Wein der Weisen
Alkoholfreie Alternativen gelten vielen Winzerinnen und Winzern als Hilfsmittel, ihre Branche zu retten. Aber lässt sich der sinkende Konsum echter Weine auf diese Weise wirklich ausgleichen?

Wenn man es genau nimmt, besteht Wein im Wesentlichen aus reichlich Wasser, ein paar weiteren Ingredienzien in kleinen Mengen sowie einer gehörigen Portion Alkohol. Entfernt man Letzteren, bleibt … vor allem Wasser. Aber wer um Himmels willen zahlt 15 oder mehr Franken für eine Flasche H₂O? Niemand. Es sei denn, man machte der potenziellen Käuferin klar, dass es sich um ein Produkt handelt, um das Genussmenschen nicht herumkommen. Keine einfache Aufgabe. Und eine, die zuallererst über das Design und das Marketing zu lösen sein dürfte; Geschmack kommt frühestens an Position Nummer drei.
Den Vogel abgeschossen hat in dieser Hinsicht das deutsche Weingut Schloss Johannisberg. Im vergangenen Jahr brachte dessen Geschäftsführer Stefan Doktor einen streng limitierten alkoholfreien Wein auf den Markt, der so rar war, dass der Autor dieser Zeilen selbst nie die Gelegenheit hatte, ihn zu verkosten. In diesem Falle wurde nicht irgendein Rheingauer Riesling entalkoholisiert, sondern eine Cuvée aus Jahrgängen von 1977 bis (festhalten!) 1951. Fällt denen nichts Besseres ein, was sie mit ihren Altweinen hätten machen können?, fragt der Laie, während die wenigen Fachleute, die diesen Wein probieren durften, von ungeheurer Komplexität schwärmen. Irgendwer wird sich schon gefunden haben, der die verlangten 100 Euro pro Flasche berappte.
Mehr als gefärbtes Wasser
Für die meisten Winzerinnen bleibt das Luxuswasser ein skurriles Experiment, zumal kaum eine 50 oder 70 Jahre alten Wein im Keller hat, um Ähnliches zu wagen. Und was die Entalkoholisierung jüngerer Weine angeht: Die Entfernung des Ethanols ist ein aufwendiger Prozess, und man braucht schon die erkleckliche Menge von 5000 Litern, damit sich die Sache technisch umsetzen lässt.

Die Lösung heisst also Zusammenarbeit und lässt immer mehr Winzer bei der Entfernung des Alkohols kooperieren. Der Aufbau eines grossen Marktes wäre eine Alternative. Scheint so zu funktionieren beim Thurgauer Bioweingut Lenz, das schon immer die Nische des Anti-Mainstreams bediente. Karin und Roland Lenz bieten heute eine verblüffende alkoholfreie Vielfalt in Rot und Weiss, sind hochqualitativ unterwegs. Wobei Qualität im Falle dieser speziellen Kategorie von Rebensäften bedeutet, dass man nicht mit der Brechstange agieren sollte. Hitze ist ein Feind der Aromen, feinste Membranen trennen stattdessen die Bestandteile schonend voneinander, bewahren Duftnoten und sorgen dafür, dass Weinprofis selbst ohne Alkohol das riechen, worum es geht: um Wein – und nicht um gefärbtes Wasser (…)
Doch wie viel Weingenuss ist ohne Alkohol tatsächlich möglich? Warum setzen manche Hersteller auf Zucker, Kohlensäure oder sogar Tee und Hopfen – und können alkoholfreie Weine die kriselnde Branche wirklich retten? Lesen Sie im aktuellen marmite 04/2026, welche raffinierten Wege Produzenten gehen und weshalb die Zukunft des alkoholfreien Weins trotz aller Innovationen ungewiss bleibt.
Text: Wolfgang Fassbender
Bilder: ZVG, LGreiner-Medienagenten
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