Kultweine aus dem Kriegsgebiet
Die Familie Hochar keltert auf Château Musar seit bald 100 Jahren einzigartige Weine im Libanon: weisse und rote Weltklasse trotz widriger Umstände.
Anderen Wein trinkt er nicht. Nur Château Musar. Natürlich nicht nur den Spitzenwein, sondern auch den Einstiegswein und den mittleren. Okay, mal vielleicht ein Glas eines anderen Weinguts. Wenn der Anstand es erfordert. «Wer regelmässig unsere Weine trinkt, dem fehlt bei anderen Weinen etwas. Nur selten probiere ich andere Weine, bei denen ich punkto Komplexität, Alterungspotenzial und diesem gewissen Etwas ähnlich glücklich werde.» Noch erstaunlicher als die Aussage selbst, ist, dass sie nicht mal überheblich wirkt, wenn Gaston Hochar sie ausspricht.

Gaston Hochar, so heisst schon sein Grossvater, der Musar 1930 gründet. Nach einem Jahr in Paris bricht dieser das Medizinstudium ab, kehrt heim und gründet das Weingut, das er damals Mzar nennt. Später französiert er den Namen – Libanon steht von 1919 bis 1943 unter französischem Mandat – zu Musar. Die im Zweiten Weltkrieg im Libanon stationierten Soldaten lieben Hochars Weine. So entsteht die Freundschaft zum Bordelaiser Spitzenwinzer und Major Ronald Barton.
1959 steigt Hochars Sohn Serge ein. Die Maxime seines Vaters, nur Qualitätsweine hervorzubringen, erweitert er um den Aspekt, dass diese naturnah produziert sein sollen. Keine Fungizide, Pestizide oder Chemikalien. Die Weine werden ungeschönt und ungefiltert abgefüllt. Seit 2006 ist der Betrieb zertifiziert organisch.
Das Geschäft brummt, allerdings nur auf dem Heimmarkt. Die Teilnahme an der Weinmesse in Bristol, damals die wichtigste im Vereinigten Königreich, im Jahr 1979 wendet das Blatt. Der einflussreiche englische Weinkritiker Michael Broadbent krönt den roten 1967er zur Entdeckung des Jahres. Diese Wende ist dringend nötig, im Libanon tobt seit 1975 der Bürgerkrieg, der Markt bricht ein. Serge Hochar und dessen Bruder gründen nach dem Exploit von Bristol eine Firma in England – ein brillanter Schachzug. So können sie ihre Weine fortan containerweise vom Libanon exportieren, wenn es die politische Lage gerade zulässt, und sind für die Nachfrage auf der Insel und auf dem europäischen Festland gewappnet. 1984 kürt das «Decanter Magazine» Serge Hochar zum Man of the Year für dessen Leistung, trotz des andauernden Bürgerkriegs Jahr für Jahr Spitzenweine zu keltern. Tatsächlich setzt er die Produktion einzig 1976 aus. Den 84er produziert er, bringt ihn aber nie in den Verkauf.

Bis zum Kriegsende im Jahr 1990 steigt der Export auf 97 Prozent an. Später pendelt er sich auf 80 bis 85 Prozent ein. Vier Jahre nach Kriegsende steigt Serge Hochars Sohn Gaston ein, der Musar heute führt und keinen anderen Wein trinkt. Spitzenweine inmitten dieses Pulverfasses zu keltern – wie ist das? «Die letzten sechs Jahre waren ziemlich herausfordernd, die letzten zwei sogar sehr schwierig», erzählt Hochar. «Immerhin ist das Weingut in einer Region, die nicht direkt betroffen ist. Es ist aber kompliziert: Die Weinberge sind im Bekaa-Tal und um von da zum Weingut zu gelangen bedeutet, Beirut zu passieren. Das war kompliziert. Insbesondere im vergangenen September bis Oktober.»
Ein Beispiel aus dem verrückten Alltag? «Letztes Jahr sagte mir mein Winzer Tarek im Juli, dass wir zehn Tage früher lesen als sonst.» Hochar reagiert irritiert. «Doch Tarek meinte, die Trauben seien früher reif und wir würden schon gegen Ende Juli beginnen. So endete die Lese auch früher. Anstatt Ende September schon rund um den 15. September.» Ende September eskaliert die Situation, am 1. Oktober marschieren israelische Truppen ein. «Wir hatten Glück oder was auch immer», meint Hochar schulterzuckend.
Lesen Sie im aktuellen marmite, wie Château Musar selbst unter schwierigsten Bedingungen Jahr für Jahr Weine von aussergewöhnlicher Eigenständigkeit schafft – und weshalb ein Besuch auf dem Weingut zur Nervenprobe geraten kann. Gaston Hochar erzählt, was seine Weine so besonders macht, warum sie polarisieren und weshalb für ihn kein anderer Tropfen je in Frage kommt.
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