In der Beiz daheim

19. Juni 2025

Gasthäuser mit Patina, währschafte Küche, Lebensmittel aus der Region: Kaum einer kennt sich hierzulande so gut damit aus wie Martin Jenni. Sein Wissen teilt er in vielfältiger Weise.

Das Fazit nach unserem Besuch ist so knapp wie klar: Martin Jenni ist ein guter Gastgeber. Einer, bei dem man unweigerlich (gern) sitzen bleibt. Das liegt sicher daran, dass der Journalist für Ess- und Trinkkultur seine Gäste bestens und vor allem umgehend verköstigt. Kaum angekommen, sitzen wir am langen Beizentisch in der ehemaligen Stube des Gasthofs Engel in Rodersdorf, vor uns ein Schale dampfenden Kaffee aus der Mokkakanne und Croissants von der Bäckerei aus dem benachbarten Leymen ennet der Grenze zu Frankreich. Am Ende unseres Besuchs werden wir ebenhier anzutreffen sein – mit einem Potpourri aus Tellern, Flaschen und Gläsern in der Mitte, das für sich spricht.

Jenni, der unbestrittene Schweizer Experte für Beizenkultur, lebt seit sechs Jahren in der solothurnischen Enklave. Bis vor 60 Jahren beherbergte das Haus das Restaurant, seit rund 20 Jahren ist der umfassend unter Denkmalschutz gestellte Bau in den Händen der heutigen Besitzerin. Die alten Dielen knarzen unter unseren Schritten, während der Gastgeber herumführt. Er folgt unseren Blicken – und liefert zuverlässig Geschichten: zum in der Wand eingelassenen Original-Büffet in der Gaststube, zu den Geschirrschränken im Salle à manger, zum Chesterfield-Sofa von 1875, auf dem Jenni im Badezimmer (!) die Morgensonne geniesst und die Zeitung liest, zum urigen Holzherd in der Küche, der zeigt, wie klein die Menschen früher waren, oder zu den Bildern im Eingang, die vom jüdischen Grafiker Cioma Schönhaus stammen, der im Zweiten Weltkrieg als Passfälscher Leben rettete. Auf den 300 Quadratmetern, die Jenni hier belebt, ist nichts zufällig, hat alles eine Geschichte.

Wir reden auch über seine eigene. Darüber, wie aus dem Knaben früh ein (guter) Gast wurde. Mit seiner Mutter und dem Stiefvater habe er sonntags in die Beiz gehen müssen, erzählt Jenni. Müssen? «Ja, dabei lief im Fernsehen ‹Bonanza›. Aber so ass ich halt jeden Sonntag Schnipo.» Der Stiefvater, ein Zahnarzt, führte den Burschen ebenso in die Welt von Langusten und Schnecken, Foie gras und Flusskrebsen ein. Auch Jennis Vater, der so gar nicht kochen konnte, schleppte den Sohn regelmässig ins Gasthaus: «Da gab es dann Frikadellen und den Schaum vom Bier.» Bei der Grossmutter wiederum lernte er, wie man mit bescheidenen Mitteln raffiniert kocht, und bei den Grosstanten, auf deren Höfen im Fricktal er die Ferien verbrachte, begegnete ihm die bäuerliche Küche mit eigenen Produkten. «Der Busen von Tante Marie war so gross wie der Brotlaib, den sie an ihn drückte», erinnert sich Jenni. «Ich war von beidem sehr beeindruckt.»

Heute ist der Autor professionell als Gast unterwegs. In seinem jährlich publizierten Beizenführer «Aufgegabelt», der 2028 zum zehnten Mal erscheint, empfiehlt er, was ihm persönlich gefällt: Orte, die den einfachen Genuss, das heimische Schaffen und die unkomplizierte Gastfreundschaft pflegen. Es sind ebendiese Werte, die der 66-Jährige auch hochhält, wenn er selbst in die Rolle des Gastgebers schlüpft. Denn auch das tut er inzwischen beruflich – mit seiner im November 2019 gegründeten Vereinigung für kulinarische und geistige Nahrung. Diese zählt aktuell 120 Mitglieder, die Jennis Leidenschaft für Essen, Trinken und Kultur teilen. Rund 25 Anlässe richtet der Gastgeber im Engel jährlich aus; Mittagstische, Tafelrunden, Matinées und Kulturevents. Jenni kocht schlichte, aber gute Menüs mit sorgsam ausgewählten Zutaten und lädt hochkarätige Gäste ein, die für Unterhaltung sorgen. «Hier kommt mein grosses Netzwerk ins Spiel, sei das im kulinarischen wie auch im kulturellen Bereich.» Grössen wie die Sängerin Christine Lauterburg, der Saxofonist Alex Hendriksen oder der Schauspieler Christian Heller folgten Jennis Einladung schon nach Rodersdorf, altmeisterliche Gastköche wie marmite-youngster-Juror Antonio Colaianni, Werner Tobler und Arno Abächerli ebenso.

Für uns steht Jenni selbst am Herd. Bereits bei unserer Ankunft ziehen Duftschwaden vom im Ofen schmorenden Kaninchen und Randen durchs Haus. Der Gastgeber stellt sich in die Küche, öffnet zum Apéro entspannt einen Cidre von Hossli aus dem Fricktal, rüstet den Lauch, rührt die Vinaigrette an und erinnert sich die Anfänge. «Mit 17 oder 18 begann ich zu kochen, um die Frauen zu beeindrucken. Das klappte damals noch», kokettiert er und lacht. Schnell aber entwickelte der junge Mann tatsächlich Freude am Handwerk. Er koche «sehr rudimentär», attestiert sich Jenni selbst. «Was bei mir auf den Tisch kommt, ist selbst gemacht – aber nicht zwingend von mir.» Will heissen: Der Gastgeber fungiert als kulinarischer Kurator, bezieht seine Jus beispielsweise vom Ochsen in Arlesheim, Wähen und Pies bei der Bäckerin im Dorf. «Als ‹Aufgegabelt›-Autor sehe ich es schon auch als meine Aufgabe, kleinen Produktionsbetrieben, die ich gut finde, eine Bühne zu geben», sagt Jenni. Und tut genau das – in seinen Büchern, aber eben auch hier, im einstigen Gasthof zum Engel.

marmite 2/2025

Text: Sarah Kohler

Fotos: ZVG

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