Schalen für Weintrinker

31. August 2026

In privaten Spül­maschinen und in den Schränken der ambitionierten Gastronomie stehen Weingläser, die sich häufig ähneln. Hoher Stiel, sich verjüngender Kelch. Alles auf Nummer sicher ge­fertigt. Doch es geht auch anders.

Die Stimmung war blendend im Weinberg, ein paar Kilometer von Nîmes entfernt. Der Mistral blies, Winzerin Isabelle Gassier hatte Flaschen im Freien aufgebaut. Weissweine, Rosés und Rote. Schade nur, dass die verwendeten Gläser von der einfachen Sorte waren. Stiel, winziger Kelch. Fast sahen sie aus wie Spielzeuggläser, brachten die verkosteten Weine nur unzulänglich zur Geltung. Ihr einziger Vorteil war, dass sie dem Wind standhielten. Irgendwie auch eine Leistung.

Bloss keine Irritation?

Nun ist es einfach, französische Winzer (und französische Restaurants!) wegen ihrer bisweilen noch immer unterdurchschnittlichen Glasqualität zu kritisieren; tatsächlich sind in vielen anderen Ländern hochwertigere Gläser anzutreffen. Österreich punktet mit Zalto in jedem drittklassigen Weingut, die Schweizer Gastronomie hat einen Narren an Gabriel-Gläsern gefressen, auch in Deutschland herrscht dank Marken wie Spiege­lau und Schott-Zwiesel kein Mangel an hochwertiger Ware. Doch wenn man sich die im Alltag der Gastronomie und der Weinszene anzutreffenden Gläser genauer anschaut, wird man feststellen, dass sie sich auf erstaunliche Weise ähneln. So sehr, dass in der Branche hinter vorgehaltener Hand darüber gesprochen wird, dass die Hersteller gern bis zur Grenze des rechtlich Vertretbaren kopieren; werden diese Linien überschritten, entscheiden Gerichte. 

Zu allem Überfluss neigen selbst überdurchschnittlich erfahrene Sommeliers und Sommelièren dazu, ihre Gäste nicht zu irritieren. Ausgefallene Weingläser werden folglich selten eingekauft. Wie Weingläser auszusehen haben, steht dagegen in jedem Lehrbuch. Langer Stiel, bauchig, nach oben zusammenlaufend. Winzige Gläser à la Nîmes-Weinberg gelten in feinen Lokalen als No-Go, aber die riesigen Goldfischgefässe der Neunziger sind längst als dekadent verschrien. Auf jeden Fall sollen die Aromen im Glas gefangen werden und die Hand möglichst weit vom Wein entfernt bleiben; Körperwärme und Gerüche dürfen das kostbare Bouquet nicht beeinträchtigen. Solche Regeln werden vermutlich von 99 Prozent aller Weinkursreferentinnen und -referenten gelehrt.

Sti(e)llos, aber überzeugend

Ist nicht ganz falsch, allerdings nur ein Teil der Wahrheit (…)

Was passiert, wenn man beim Weinglas mit den vermeintlich unumstösslichen Regeln bricht? Und wie stark beeinflusst die Form tatsächlich, was wir schmecken? Lesen Sie weiter im aktuellen marmite 3/2026.

Text: Wolfgang Fassbender

Bilder: ZVG

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