Fäulnis im Fortschritt
In Winzerkreisen sind Pilze beliebt – jedenfalls eine bestimmte Art zu einer bestimmten Zeit. Dumm bloss, dass die Kundschaft nur noch selten üppige Auslesen bestellt. Eine Retrospektive.

Je besser eine Geschichte, desto weniger fragen deren Hörerinnen und Hörer nach der Wahrheit. So verhält es sich auch mit der Story um einen bemitleidenswerten Boten. Im Jahre 1775 wurde der Mann auserwählt, eine Depesche zu transportieren. Es war Herbst, die Eisenbahn noch nicht erfunden, das Pferd langsam; was genau dem jungen Mann widerfahren ist, wurde nie notiert. De facto verspätete er sich so massiv, dass die für die Weinlese zuständigen Mönche auf dem deutschen Schloss Johannisberg der Verzweiflung nahe waren.

Warten auf den Boten
Warum die geistlichen Winzer nicht einfach selbst mit der Lese der Trauben anfingen? Nun, das noble Anwesen unweit der Kurstadt Wiesbaden unterstand damals dem Fürstbischof von Fulda, der den Startschuss zur Ernte geben musste – per Bote. Kirchliche Hierarchien, man versteht, ohne Genehmigung rührte sich kein Finger. In den Weinbergen breitete sich in der Wartezeit munter ein Pilz namens Botrytis cinerea aus. Sogenannte Edelfäule befiel die Beeren, liess sie rosinengleich einschrumpeln, schuf einen pelzigen Schimmelüberzug in 50 Grauschattierungen.
Ein Drama, denn Fäulnis war gefürchtet. Als geerntet werden konnte – der unglückselige Bote war inzwischen eingetroffen –, griffen die Lesehelfer nur widerwillig zu, sammelten verdorbene Beeren ein und (…)
Text: Wolfgang Fassbender
Bilder: ZVG
Was geschah, nachdem die Mönche die vermeintlich verdorbenen Trauben trotzdem kelterten? Im zweiten Teil wird aus einer wunderbaren Anekdote eine historische Spurensuche – von Schloss Johannisberg über Tokaj bis Bordeaux. Und sie führt zu einer überraschenden Erkenntnis. Lesen Sie weiter im aktuellen marmite 2/2026.
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