Fabian Cancellara im Gespräch

28. November 2018
Fabian Cancellara hat sich für marmite new suisse cuisine in Schale geworfen. Beim Fototermin unterhielten wir uns mit dem Ex-Radprofi übers Feiern, gutes Essen und sein neues Leben nach dem Spitzensport.

Eigentlich könnte man meinen, dass Fabian Cancellara heute alle Zeit der Welt hätte. Schliesslich hat er seine Karriere als Radprofi vor zwei Jahren beendet. Doch schon der Blick auf sein Instagram-Profil (über 300 000 Follower) lässt vermuten, dass es dem 37-Jährigen kaum je langweilig wird. Eben war er ein paar Tage in New York, als nächstes steht ein Trip nach London auf dem Programm. Und auch am Fotoshooting macht der ehemalige Zeitfahrkönig gleich von Anfang an klar, dass Effizienz nach wie vor das Gebot der Stunde ist. 

Fabian Cancellara, 2016 wurden Sie in Rio Olympiasieger im Einzelzeitfahren. Wie haben Sie diesen Sieg gefeiert?

Nicht mal so spektakulär. Wir gingen zu Abend essen und danach ein Haus weiter in eine Art Open-Air-Disco. Aber eigentlich war ich todmüde. Die grosse Sause fand dann zu Hause in Ittigen statt; es war eine Überraschungsparty, organisiert von Familie und Freunden. Offenbar waren wir nicht ganz leise, denn einer unserer Nachbarn hat auf Twitter unsere Musik-Playlist gepostet…

In Ihrer Karriere gab es ja viele Höhepunkte zu feiern. Welches war denn die legendärste Party?

Da möchte ich jetzt nicht ins Detail gehen. Aber die besten Fest waren immer jene mit Freunden.

Sie wurden mit 19 Jahren Profi – in einem Alter, in dem andere junge Leute durch die Welt reisen und Party machen. 

Ja, aber ich habe das ja selbst entschieden, ich wollte es so. Und keine Angst – ich bin nie zu kurz gekommen. Ich hatte auch meine Partys, ich ging mit Freunden auf die Piste, wir hatten es lustig. Am Anfang, als ich Profi geworden bin, empfand ich es auch nicht als Beruf. Es machte Spass, es hat gestimmt.

Es ist also nicht so, dass Sie jetzt etwas nachholen müssten?

Nein, gar nicht. Ich konnte viele Länder bereisen, Erfahrungen sammeln. Ich konnte mein Hobby zum Beruf machen. Aber wie gesagt, am Anfang habe ich es nicht so gesehen; erst mit den Jahren habe ich realisiert, worum es eigentlich geht.

Vor zwei Jahren, nach Ihrem Olympiasieg in Rio, haben Sie Ihren Rücktritt bekanntgegeben. Wie sehr sind Sie heute wirklich draussen aus dem ganzen Rennzirkus?

Also eigentlich bin ich definitiv draussen, schliesslich habe ich mit dem Spitzensport nichts mehr zu tun. Ich bin auch nicht mehr «Performance-driven», ich habe keinen Drang nach den Rennen, ›
nach Gewinnen, nach Challenge, dem Druck und dem ganzen Drumherum. Mir war immer bewusst, dass die Profikarriere eines Tages zu Ende ist. Dass das Rennfahren nicht mein Leben ist, sondern nur ein gewisses Zeitspektrum. Aber dass ich die Bühne mit einem Olympiasieg verlassen konnte, ist natürlich etwas Besonderes. Das gibt eine gewisse Gelassenheit.

Aber einfach war der Schritt wohl trotzdem nicht.

Schlussendlich ist es für alle schwierig. Mir muss keiner erzählen, dass es einfach sei. Ob siegreich oder nicht, das spielt in meinen Augen keine Rolle. Es ist für jeden ein grosser Schritt, wenn der Tag X gekommen ist. Hinzu kommt – im Nachhinein gesehen – , dass man nie mehr soviel Zeit haben wird wie als Spitzensportler.

Tatsächlich?

Ja wirklich. Das Leben als Spitzensportler ist auf eine gewisse Art eintönig, oder besser gesagt einseitig. Man ist auf den Sport fokussiert und schiebt alles andere beiseite. Im normalen Alltag ist das nicht möglich. Höchstens, wenn man zwanzig Leute hätte, die alles für einen erledigen würden. Dann könnte man sich nur noch auf die wichtigsten Dinge konzentrieren. Aber das geht natürlich nicht. Wenn ich heute ein Problem mit meinem Velo habe, dann muss ich es selbst zum Mechaniker bringen. Ich kümmere mich auch um Organisatorisches, um Administratives.

Klassische Frage: Wie sieht heute ein typischer Tag von Ihnen aus?

Das lässt sich nicht so pauschal beantworten. Natürlich aufstehen, sich für den Tag bereitmachen und dann je nachdem Meetings oder Büroarbeit. Dann Mittagessen zu Haus oder unterwegs. Manchmal fällt das Mittagessen auch aus, weil ich gerade unterwegs bin. Ich bin mit den verschiedensten Themen beschäftigt. Es ist spannend, aber ich bin auch noch in einem Lernprozess drin, in einer Findungsphase. Eine Herausforderung besteht darin, mehr Struktur in meinen Alltag mit all den privaten und geschäftlichen Aufgaben hineinzubringen. Das war als Athlet noch ganz anders. 

Damals war der Rahmen klar gesteckt. 

Genau. Und es braucht nun etwas Zeit, Geduld und auch Nerven. Das ist kein Geheimnis, das ist die Realität. Es ist nicht einfach Dolce vita und in den Tag hineinleben. Das habe ich nach Rio vier Monate lang gemacht. Aber irgendwann wird das langweilig und man muss einen – seinen – neuen Weg finden.

Was sagen Sie heute, wenn Sie jemand nach Ihrem Beruf fragt?

Unternehmer. Vielseitiger Unternehmer. Zu meinem Job gehören auch Marketing, Kommunikation, Administration und Sales. Wir sind ja nur zu dritt, wir sind ein Startup, da gibt man Vollgas. Und dann ist man auch noch die Person X, hat also einen gewissen Status. Und man ist Vater, man ist Ehemann. 

In einem anderen Interview haben Sie gesagt, vielleicht eröffne ich ja mal ein Restaurant. Ist das wirklich ein Traum von Ihnen?

Nein das nicht. Ich habe es eher so gemeint: Wenn ich einmal ein Restaurant eröffnen würde, dann müsste ich zuerst als Tellerwäscher arbeiten. Denn egal in welchem Business man tätig ist, man muss auf Augenhöhe mit den Leuten reden können. Wenn man noch nie im Service gearbeitet hat, noch nie in der Küche stand, noch nie Teller gewaschen hat, dann kann man den Leuten nicht sagen, was sie besser machen sollen. 

Gehen Sie generell so an die Dinge heran? Dass Sie zuerst die Basics verstehen möchten?

Mehr oder weniger, ja. Denn wenn man die Grund-
themen nicht kennt, die für ein Projekt wichtig sind, dann hat man keine Power, dann kann man auch nicht überzeugend reden. 

Das leuchtet ein. Aber lassen Sie uns doch über das Thema Essen sprechen.

Ich esse sehr gerne. Gerade letzte Woche war ich bei Daniel Humm in New York. Das war sehr interessant. Ich kenne ihn ja schon länger. Was er macht, das ist Spitzensport: es geht um Performance, um Konzentration. Ich war auch in der Küche. Unvorstellbar, was für eine Ruhe dort geherrscht hat. Die Leute haben konzentriert gearbeitet, niemand hat geredet, da war kein Stress spürbar. Wirklich beeindruckend. 

Und wie war das Menü?

Auch das lässt sich nicht mit normalem Essen vergleichen. Hinter jedem Gericht steckt eine Geschichte. Manche Sachen konnte man von Hand essen, bei anderen musste man selbst etwas zusammenmischen. Die Zutaten stammen übrigens alle aus der Umgebung von New York. Es ist ein Privileg, Daniel Humm zu kennen. Er ist ein feiner Mensch und es ist spannend, sich mit ihm auszutauschen. Es ist ein Erlebnis, ein solches Essen geniessen zu dürfen. Aber natürlich kann man nicht jeden Tag so essen. 

Was essen Sie denn so im Alltag?

Da habe ich eine grosse Bandbreite. Es kann auch mal Fastfood oder ein guter Kebab sein. Schlussendlich brauche ich einfach etwas zu essen. Auf dem Weg hierher gab es zwei Würstli im Teig, weil es von der Zeit her nicht anders möglich war. Aber wenn ich früher hier bin, bin ich auch früher wieder zu Hause – und kann dort zum Znacht wieder etwas Gesünderes essen. 

Gesunde Ernährung ist also wichtig für Sie.

Ja, denn schlussendlich kann man mit der richtigen Ernährung sehr viel herausholen. Unter Umständen kann man mit Essen mehr an Vitalität gewinnen, als wenn man Sport macht und normal isst. Also normal im Sinne von, dass man nicht wirklich darauf achtet, was genau man isst. Es gibt ja verschiedene Aspekte, auf die man achten kann. Gluten, Laktose, mit oder ohne Fleisch, oder vegan. Wenn ich vergleiche … am Anfang meiner Karriere gab es vielleicht drei Milchsorten. Heute kann man aus zwanzig verschiedene Milchsorten oder Milchalternativen aussuchen. Soja, Reismilch, Hafer, Mandeln …

… und die normale Milch ist des Teufels.

Ja, die Milch wird heute verflucht. Aber früher gab es nichts anderes. Und heute trinken alle diese Milch-Alternativen. Doch woher kommt das? Ist es Marketing? Haben sich die Bedürfnisse der Menschen verändert? Auch in anderen Bereichen fällt mir das auf. Etwa beim Wein – da wartet man heute nicht mehr, bis er ein gewisses Alter erreicht hat, den trinkt man einfach. Kürzlich war ich bei Eddy Merckx  zu Hause und er öffnete eine sehr teure Flasche Wein, die aber noch sehr jung war. Mir fällt auch in Restaurants auf, dass viel mehr junger Wein verkauft wird. Die Frage ist nun: haben sich die Reben verändert, ist es Marketing? Da hat sicher ein Umdenken stattgefunden.

Muss ein guter Wein für Sie denn ein gewisses Alter haben?

Nicht unbedingt. Aber ich mag es einfach, wenn ein Wein Geschichte hat. Ich trinke wenig Wein, aber wenn, dann gönne ich mir gerne eine gute Flasche Wein. Das Preis-Leistungs-Verhältnis muss aber stimmen. In manchen Restaurants sind die Weine auch einfach überteuert.  

Apropos Restaurant: Haben Sie ein Lieblingsrestaurant?

Bei Daniel Humm war ich bisher zweimal, das ist immer ein besonderes Erlebnis. Und es gibt auch spezielle Lokale in Dubai oder Tokyo, die mich begeistert haben. Früher ging ich sehr gerne ins Vieux Manoir in Murten. Schade, dass es heute geschlossen ist. Aber eigentlich nenne ich nicht so gerne Namen. Schlussendlich kann es auch einfach ein gutes Sushi-Restaurant oder ein guter Italiener sein. 

Stimmt es eigentlich, dass man als Velofahrer so viel essen kann, wie man will? Man hört manchmal absurde Zahlen wie 8000 oder 10 000 Kilokalorien pro Tag.

Nein, nein, soviel braucht man nicht. Ein Rennfahrer braucht eher weniger, dafür das Richtige. Früher hat man drei Portionen verputzt, heute nur noch eine, dafür achtet man auf die richtigen Nährwerte. Benötigt man die basischen Kohlenhydrate von Kartoffeln, nimmt man die klassischen weissen Teigwaren, oder setzt man auf Vollkorn oder auf Dinkel? Ich persönlich achte auf das Säure/Basen-Verhältnis. Mein heutiges Mittagessen mit den Würstli im Teig war natürlich total sauer, also schaue ich, dass ich es am Abend ausgleichen kann.

Gibt es Dinge, die Sie bewusst vermeiden?

Vollmilch, die ist mir zu schwer. Generell achte ich zwar auf eine gesunde Ernährung, aber ich übertreibe es nicht. Ich trinke meinen Kaffee auch mit Zucker. Und in der Bäckerei nehme ich statt Weissbrot zwar eher Dinkel oder Vollkorn, aber wenn es das mal nicht gibt, dann tut es auch Weissbrot. 

Muss man als Ex-Spitzensportler schauen, dass man nicht zunimmt?

Vor Rio war ich bei 78 Kilo, heute bin ich auf 91. Das heisst, ich habe jetzt ein normales Gewicht für meine Grösse. Gut, ich hätte nichts dagegen, ein, zwei Kilo weniger zu haben, aber es ist nun mal so. Ich achte aber auf meine Ernährung, schliesslich geht es dabei auch um Vitalität. 

Kochen Sie eigentlich auch selbst?

Nein. Oder ist Grillieren kochen? (lacht). Ich grilliere sehr gerne Fleisch, auch mal Bratwürste oder Cervelat. Und klar, wenn ich mir wirklich Zeit nehmen würde, könnte ich auch in der Küche etwas hinzaubern. Aber eigentlich mag ich es simpel. Im Sommer liebe ich Salat in allen Variationen, im Winter gibt es eher Gemüse. Für sehr ausgefallene Sachen kann man ja zu einem Daniel Humm, zu einem Andreas Caminada oder zu Nenad Mlinarevic. Aber das Essen im Restaurant ist ja nicht die Realität. Zu Hause ist die Realität. Ich gebe zu: ich reisse mich weniger ums Kochen. Ich mache lieber die Küche. Das entspannt mich. 

Sie sind auch Botschafter von einem Weinhändler.

Ja, das ist eine spannende Zusammenarbeit, die ich gerne noch vertiefen möchte. Es gibt so viele Parallelen zwischen Velofahren und Wein, die nur darauf warten, entdeckt zu werden. Zudem ist Terravigna ein Unternehmen, das Gas gibt – genauso wie ich Gas gebe. Und es ist ein Familienunternehmen, das gefällt mir sehr.

Im Radrennsport hat ja gerade der Champagner eine gewisse Bedeutung …

Ja, stimmt (lacht). Bei Velorennen hat man den Champagner jeweils am nächsten Tag noch an den Kleidern gerochen. Aber das gehört dazu. Der Zapfen muss knallen, man spritzt die Fotografen voll. 

Fanden Sie das nie dekadent?

Nein, gar nicht. Das ist eines dieser Rituale, die einfach dazugehören. Ich meine, braucht es einen Blumenstrauss? Braucht es die Frauen, die einem gratulieren? Eigentlich nicht, aber es ist trotzdem etwas Schönes. Mit dem Champagner und auch mit dem Anstossen wird der Sieg zelebriert.

Interview: Nicole Hättenschwiler

Steile Karriere

Fabian Cancellara (37) ist in Hinterkappelen bei Bern aufgewachsen. Heute lebt er mit seiner Frau Stefanie und den beiden Töchtern (6 und 12 Jahre alt) in Ittigen. Im September 2000, im Alter von 19 Jahren, startete seine Profi-Karriere. Zu seinen grössten Erfolgen gehören zwei Olympische Goldmedaillen im Zeitfahren (2008 und 2016), vier Weltmeistertitel im Zeitfahren sowie eine Olympische Silbermedaille im Strassenrennen (2008). Je dreimal gewann er Paris-Roubaix sowie die Flandern-Rundfahrt, sowie dreimal Bronze an Weltmeisterschaften. Hinzu kommen zahlreiche Podestplätze und Etappensiege bei grossen Rundfahrten. Seine Statur brachte ihm den Übernamen «Spartacus» ein. Nach seinem Rücktritt vom Spitzensport 2016 gründete er sein eigenes Unternehmen, um seine Erfahrungen und sein Netzwerk in der Sportwelt optimal nutzen zu können. An der Universität St. Gallen absolvierte er ein CAS in Sportmanagement. Seine Firma organisiert unter anderem Sportevents wie etwa die Reihe «Chasing Cancellara», bei der Amateure gegen den ehemaligen Profisportler antreten können. Zudem bietet Fabian Cancellara mit #InsideCancellara eine einzigarte B2B-Plattform an, welche exklusive, hautnahe Erlebnisse mit der Radsportlegende bietet.

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