Das Glück aus der Tube
24. Mai 2011 | Food | von Richard Kaegi
Viele Kindheitserinnerungen sind bei mir mit dem Essen verknüpft. Mit dem Kochen unserer Mutter. Sie kochte immer gut und meistens genug. Es war eine sehr einfache Küche. Wir mussten aufs Geld schauen, an Mutters Herd wurde alles selbst gemacht. Hero-Konfi, Knorr-Suppen, Rocco-Ravioli, Heinz-Ketchup – das alles gabs bei uns fast nie, zu teuer. Anders bei Frau Hablützel. Das Vorratskämmerchen der schicken, kinderlosen Nachbarin war immer wohl gefüllt, natürlich mit den damaligen Ikonen der Markenprodukte. Die hatten alles. Sogar ein Auto. Damit fuhren sie zweimal jährlich in die Ferien. Wahrhaftig ein luxuriöses Leben.
Gut erinnere ich mich an Frau Hablützels Mayo-Brote. Spielte ich längere Zeit draussen, steckte sie alsbald ihren Kopf durchs Küchenfenster und rief mich an ihren Küchentisch: „Wer so herumrennt, muss essen“. Gebannt schaute ich ihr zu, wie sie Butter aufs frische Brot schmierte und mit einer schwindlig machenden Grosszügigkeit Mayonnaise aus der Tube darüber drückte. Ich sehe die ölig-weisse Emulsion heute noch vor mir, wie sie in sternförmigen Würsten leise knatternd aus der Tube schoss und sich in wirren Schlangen über das Brot verteilte. In diesen Momenten habe ich mich das erste Mal verliebt.
Liebe von kurzer Dauer
Glücklicherweise hielt diese Liebe nicht lange. Weder zur Tommy-Mayonnaise noch zu Frau Hablützel. Bald schon lernte ich, aus Eiern und Öl selbst eine Mayonnaise zu rühren, die diesen Namen eher verdient. Nie mehr griff ich zu Tuben aus industrieller Fertigung. Eine gute Mayonnaise ist innert Minuten hergestellt. Eier, Senf, Zitronen und Öl sind daheim immer vorhanden. Am liebsten rühre ich kalt gepresstes, nicht zu intensiv schmeckendes Olivenöl in die Bio-Eidotter. Alle Zutaten müssen Zimmertemperatur haben. Begonnen wird mit ganz wenig Öl. Mayonnaise ist unglaublich vielseitig und lässt sich mit unzähligen Geschmäckern mischen. Ob Kräuter, Harissa, Knoblauch, Meerettich oder Safran, fast alles funktioniert.
Was gibt es Schmackhafteres als eine selbstgerührte Knobli-Mayo zu grilliertem Fleisch und Geflügel? Gut essen kann so einfach sein. So richtig einfach macht es uns aber Culinarium, die Ostschweizer Vereinigung zur Erhaltung und Förderung ursprünglicher Lebensmittel. Unter ihrer Aufsicht entsteht aus kaltgepresstem Rapsöl der St. Galler Saatzucht eine echt gute Mayonnaise. Ausser Eigelb, Zitronensaft, Salz und Pfeffer ist nichts drin. Die Rapssamen wachsen bei fünf Bauern im Fürstenland, die Eier werden bei Hungerbühlers in Flawil gelegt. Gut, zu wissen, wo unser Essen herkommt.
Deliziöse und regionale Alternative
Für mich selber brauchte es zwar einige Überwindung, auf die Tube zu drücken, doch hinter diesem Produkt stehe ich vorbehaltslos. Eine deliziöse und dazu regionale Alternative, geschmacklich dem Kunstprodukt in der hellgelben Tube der Industrie weit überlegen. Den Schneebesen nehme ich aber weiterhin in die Hand, wenn Mayo angesagt ist. Und meine Liebe zu den Frauen? Sie hängt nicht mehr so sehr davon ab, was oder wieviel mir die Damen aufs Brot schmieren.
















